Kapitel 2: Das falsche Narrativ

Warum glauben wir unsere eigenen Ausreden?


„Die Leute haben einfach keine Zeit mehr.“

Diesen Satz höre ich überall. In Vorstandssitzungen. Bei Mitgliederversammlungen. Am Stammtisch – ach so, den gibt es ja auch nicht mehr. Keine Zeit.

Der Satz klingt so vernünftig. So verständnisvoll. So endgültig.

Und er ist eine Lüge.

Nicht weil Menschen nicht beschäftigt wären. Das sind sie. Arbeit, Familie, Kinder, Eltern, Pendeln, Erschöpfung. Das stimmt alles.

Helikoptereltern, die ihre zwei Kinder erst zum Gitarrenunterricht fahren, dann zur Physik-Nachhilfe, dann zum Schwimmkurs. Die Kinder sollen den ganzen Tag lernen und gefördert werden. Für später. Für die Zukunft. Keine Zeit für Vereine – weder für die Eltern noch für die Kinder.

Und dann das Smartphone. Drei, vier, fünf Stunden am Tag. Scrollen, wischen, schauen. Aber seien wir ehrlich: Die Zeit fließt dorthin, weil nichts anderes da ist. Kein Ort, an dem man erwartet wird. Keine Gemeinschaft, die ruft. Man verbringt die Zeit in der Maschine, weil man nichts anderes hat. Kein Verein. Keine Zeit.

Aber dieselben Menschen, die keine Zeit haben, fahren am Wochenende zwei Stunden zum Fußball. Sie stehen um fünf Uhr morgens auf, um zu laufen. Sie verbringen Abende in WhatsApp-Gruppen für Hobbys, von denen Du noch nie gehört hast.

Zeit ist da. Sie wird nur woanders investiert.

Dann die zweite Ausrede: „Die Jungen interessiert das nicht mehr.“

Wirklich?

Dieselben Jungen, die Fridays for Future organisiert haben? Die sich in Discord-Servern vernetzen, um gemeinsam Projekte zu starten? Die ehrenamtlich Nachhilfe geben, Flüchtlingen helfen, Nachbarschaftsgärten anlegen?

Sie engagieren sich. Nur nicht bei Euch.

Und dann der Klassiker: „Früher war alles anders. Da war noch Gemeinschaftssinn.“

Früher war nicht anders. Früher hattet Ihr etwas, das Menschen angezogen hat. Heute habt Ihr es nicht mehr. Das ist kein Wandel der Gesellschaft. Das ist ein Wandel in Eurem Verein.

Ich kenne einen Sportverein in einer Kleinstadt. Mitgliederzahlen steigend. Wartelisten für manche Kurse. Junge Trainer, die sich bewerben. Ehrenamtliche, die von selbst kommen.

Dieselbe Stadt. Dieselbe Demografie. Dieselben Menschen, die angeblich keine Zeit haben.

Drei Kilometer weiter ein anderer Verein. Gleiches Angebot. Leere Hallen. Kein Nachwuchs. Vorstand seit zwölf Jahren unverändert.

Was ist der Unterschied?

Der Unterschied ist nicht das Angebot. Es ist die Kultur.

Der eine Verein fragt: Was braucht Ihr? Der andere sagt: So machen wir das hier.

Der eine lässt Neue mitentscheiden. Der andere lässt sie mitmachen – wenn überhaupt.

Der eine feiert kleine Beiträge. Der andere erwartet große.

Der eine ist ein Ort. Der andere ist eine Veranstaltung.

Die Ausreden, die wir uns erzählen, haben eine Funktion. Sie schützen uns. Vor der unbequemen Wahrheit: Dass es an uns liegen könnte.

„Die Leute haben keine Zeit“ bedeutet: Wir müssen nichts ändern.
„Die Jungen interessiert das nicht“ bedeutet: Wir sind nicht schuld.
„Früher war alles anders“ bedeutet: Wir können nichts tun.

Alles Ausreden. Alles Schutzschilde. Alles falsch.

Die Wahrheit ist einfacher und schwerer zugleich:
Menschen kommen, wenn sie sich willkommen fühlen. Sie bleiben, wenn sie gebraucht werden. Sie engagieren sich, wenn sie gestalten dürfen.

Wenn das nicht passiert, gehen sie. Nicht weil sie keine Zeit haben. Sondern weil sie ihre Zeit woanders besser investiert sehen.

Die Frage ist nicht: Warum kommen die Leute nicht mehr?
Die Frage ist: Warum sollten sie kommen?
Was habt Ihr zu bieten – außer Arbeit, die keiner sieht, und Entscheidungen, die andere treffen?

Das falsche Narrativ ist bequem. Es erklärt alles und verlangt nichts. Aber es führt nirgendwo hin. Außer zum langsamen Sterben.

Wenn Du wissen willst, warum Dein Verein keine Mitmacher findet, hör auf, nach draußen zu schauen.

Schau nach innen.

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