Kapitel 3: Der Spiegel – Was, wenn wir das Problem sind?

Die unbequeme Frage

Vereine suchen oft nach Gründen für Stillstand: zu wenig Geld, zu wenig Zeit, zu wenig Ehrenamtliche, die Gesellschaft, die Medien, die jungen Leute.

Selten fragen sie: Was, wenn wir selbst das Problem sind?

Nicht böswillig. Nicht aus Faulheit. Sondern weil wir uns an das gewöhnt haben, was ist – und vergessen haben, warum wir angefangen haben.

Der vergessene Grund

Jeder Verein wurde aus einem Grund gegründet. Jemand hat gesagt: Das muss anders werden. Und andere haben gesagt: Ja, ich mache mit.

Dieser Grund war einmal so stark, dass Menschen ihre Zeit gegeben haben. Unbezahlt. Freiwillig. Mit Energie.

Aber dann passiert etwas. Der Verein wächst. Strukturen entstehen. Es gibt Satzungen, Sitzungen, Traditionen. Der Neujahrsempfang, das Sommerfest, die Mitgliederversammlung – alles „wie immer“.

Und irgendwann fragt niemand mehr: Warum machen wir das eigentlich?

Ein Beispiel

Ein deutschlandweiter Verband wendet sich an mich. Rückläufige Mitgliederzahlen. Seit fünf Jahren.

Fünf Jahre. Das ist keine Delle. Das ist ein Trend.
Die Grundidee des Verbands? Gut. Das Angebot? Relevant.

Und der Vorstand sieht die Zahlen. Sie wissen: Es werden weniger. Die Welt verändert sich. Irgendetwas muss passieren.

Ihre Lösung: „Wir müssen mehr Social Media machen.“

Nicht: Warum gehen die Leute?
Nicht: Was bieten wir, das niemand mehr braucht?
Nicht: Sind wir selbst noch die Richtigen?

Sondern: Mehr Reichweite. Mehr Sichtbarkeit. Mehr Posts.

Als ob das Problem wäre, dass zu wenige Menschen von ihnen wissen – und nicht, dass die, die sie kennen, trotzdem gehen.

Der Stuhl, an dem wir kleben

Ich kenne das selbst. Nach drei Wiederwahlen wollte ich meinen Vorstandsposten abgeben. Der Vorstand hat überlegt: Sollten wir die Satzung ändern – damit man länger im Amt bleiben kann?

Nicht: Wie finden wir jemand Neues?
Sondern: Wie bleiben wir, wie wir sind?

Es dauerte über ein Jahr, bis wir einen Ersatz gefunden hatten. So lange blieb ich weiter im Amt – obwohl ich gehen wollte.

Das ist kein Versagen. Das ist normal. Aber es ist ein Spiegel.

Die Zeitungsfrage

Warum werden Zeitungen weniger gelesen?
Liegt es am Medium? Am Preis? An der Form?

In London liegen kostenlose Zeitungen an jedem U-Bahn-Eingang. Selbst Touristen nehmen eine mit.

Vielleicht ist das Problem nicht, dass Menschen nicht mehr lesen wollen. Vielleicht ist das Problem, wie wir ihnen das Lesen anbieten.

Für Vereine gilt dasselbe:
Vielleicht wollen Menschen sich engagieren. Nur nicht so, wie wir es anbieten.

Der Spiegel zeigt keine Fehler

Er zeigt, was ist.

Und manchmal zeigt er: Wir sind nicht Teil der Lösung. Wir sind Teil des Problems.

Das anzuerkennen ist der erste Schritt. Nicht um Schuld zu verteilen. Sondern um ehrlich zu werden.

Denn ein Verein, der sich selbst nicht in Frage stellt, kann sich auch nicht verändern.

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